Rituale im Erziehungsalltag
In jeder Familie und überall
im Erziehungsalltag gibt es gleichbleibende verlässliche
Handlungsabläufe. Sie vermitteln Kindern und Eltern Stabilität und
Sicherheit und geben ihnen die Energie, auch die anstrengenden und
aufreibenden Seiten des Familienlebens zu meistern. Viele Rituale
übernehmen Eltern unbewusst von ihren eigenen Eltern oder Großeltern.
Das traditionelle Glockenläuten zur Bescherung am Weihnachtsabend zum
Beispiel, die Gestaltung der Advents- oder Osterzeit oder wie die
Familie einen Geburtstag feiert. Viele Gewohnheiten innerhalb der
Familie verändern sich über Generationen kaum und signalisieren den
sicheren familiären Zusammenhalt.
Rituale haben Tradition
Traditionelle
Rituale leben besonders in schwierigen oder ungewohnten und neuen
Lebenssituationen wieder auf. Das kann der Umzug in eine fremde Stadt
sein oder der Verlust eines Familienmitgliedes. Gemeinsame Rituale
helfen nun allen, die Angst einflößende Situation gemeinsam zu
bewältigen. Andere, moderne Rituale werden von jungen Eltern mit ihren
Kindern im Laufe des Zusammenlebens neu entwickelt und entfalten ihre
Kraft für diese Familie.
Einschlafrituale finden sich bei nahezu
allen Familien in unterschiedlicher Form. Ob das weinende Kleinkind nun
eine letzte Flasche Milch vor dem Zubettgehen erhält oder ein
Elternteil es mit einer kurzen Geschichte auf den Schlaf einstimmt, ist
hierbei Nebensache. Wichtiger sind die zentralen Eigenschaften eines
Rituals – seine Wiederholung, seine Beständigkeit und seine
Verlässlichkeit. Denn dadurch strahlt es für Kinder und für Eltern Ruhe
und Sicherheit aus.
Rituale vermitteln Sicherheit
Ein
schwieriges Thema ist für junge Familien häufig der Beginn der
Kindergartenzeit. Das kleine Nesthäkchen ist nun oft zum ersten Mal
über einen längeren Zeitraum von seinen Eltern getrennt und muss sich
an völlig neue Regeln und eine fremde Umgebung gewöhnen. Hier sind
Trennungs- und Abschiedsrituale meist unerlässlich. Sie helfen Kindern
und Eltern, sich auf die neue Lebenssituation einzustellen und sie zu
meistern. Manche Kinder verabschieden sich jeden Morgen ausgiebig von
ihren Kuscheltieren und erzählen ihnen, dass sie am Nachmittag wieder
zu Hause sein werden. Andere Kinder nehmen ein Lieblingstier oder eine
Puppe mit, um sich zu trösten, wenn ihnen die Zeit im Kindergarten zu
lang wird. Auch so genannte Sorgenpüppchen – kleine, bunte
Baumwollfiguren aus Lateinamerika – sind ein beliebter Ge-genstand, um
Abschieds- oder Trennungssituationen zu bewältigen.
Ritualgegenstände sind hilfreich
Ein
Gegenstand verstärkt viele Rituale, indem er bestimmte Kräfte
signalisiert und dem Kind einen realen Halt bietet. Auch bei
Krankheiten helfen starke Rituale besonders gut, den kleinen Patienten
bei Laune zu halten und den Heilungsprozess positiv zu beeinflussen.
Der besondere Vitaminsaft vor dem Mittagsschlaf, ein bestimmtes
Märchen, eine kleine Belohnung nach dem Besuch beim Kinderarzt oder die
Lieblingsbettwäsche sind einige Beispiele, die dem Kind helfen, seine
Krankheit nicht mit Angst, sondern als normalen Teil seines
Kinderlebens zu erfahren.
Insgesamt sind Rituale ein starker
Partner im Alltag mit Kindern und in der Erziehung. Viele dieser festen
Gewohnheiten sind uns gar nicht bewusst. Aber mit ihrem verlässlichen
Ablauf erleichtern und vereinfachen sie unser Leben.
Uta Reimann-Höhn
Diplom-Pädagogin,Wiesbaden
www.lernfoerderung.de