Raus aus der Schieflage

Über die Hüftgelenksentwicklung bei Neugeborenen

Während man im Mittelalter die Babys eng bandagierte, damit sie gerade wachsen und sich nicht verletzten konnten, raten Ärzte heute genau das Gegenteil: Eltern sollten ihrem Nachwuchs die Windeln so anlegen, dass seine Beinchen möglichst viel Bewegungsfreiheit haben. Am besten ist die Position mit angehockten und abgespreizten Beinen. Denn so rutscht der Kopf des Oberschenkelknochens in die Mitte der Hüftgelenkpfanne.


So sitzt das Baby richtig
Foto: Didymos

Da die Knochen und Gelenke von Babys anfangs noch weich und formbar sind, kann ein gleichmäßiger Druck auf Gelenkknorpel und -wachstumszonen die Hüfte in Form bringen. Je häufiger der Säugling diese Position einnehmen kann, desto besser formen sich Dach und Rand der Gelenkpfanne aus. Vor allem in der Rückenlage winkeln die Kleinen ihre Beinchen häufiger und leichter an. Wollen Eltern ihr Baby bei sich tragen, ist ein Tragtuch ideal. In dem Tuch sitzend hockt das Kind seine Beine an und spreizt sie um den Körper des Erwachsenen. Eine breite Wickeltechnik kann die Hüftentwicklung zusätzlich fördern.

Was ist eine Hüftgelenksdysplasie?

Breites Wickeln empfehlen Orthopäden vor allem bei Babys mit einer so genannten Hüftgelenksdysplasie: Bei zwei bis drei von 100 Neugeborenen ist die Hüfte bei der Geburt nicht optimal ausgeformt, sodass die Gelenkpfanne den Oberschenkelkopf nicht richtig umschließt. Die Hüftgelenksdysplasie ist somit die häufigste Skelettfehlbildung bei Neugeborenen. Deshalb achten die Ärzte schon bei den Vorsorgeuntersuchungen U2 und U3 auf bestimmte Bewegunsauffälligkeiten. Die meisten Dysplasien lassen sich mit der richtigen Wickeltechnik bereits innerhalb der ersten Lebenswochen wieder richten. Ist die Fehlstellung stärker ausgeprägt, muss das Baby für drei bis sechs Monate eine so genannte Spreizhose tragen. Sie hält die Oberschenkelknochen über eine längere Zeit richtig positioniert in der Gelenkpfanne, bis sich die Stellung gefestigt hat. Allerdings ist das Gelenk besonders in Wachstumsphasen immer wieder empfindlich. Deshalb sollte ein Orthopäde es regelmäßig kontrollieren.
In manchen Fällen ist beim Neugeborenen der Oberschenkelknochen ganz aus der Hüftpfanne geglitten: die Luxatation. Luxierte Hüften müssen wieder eingerenkt werden und je nach Schweregrad legt der Arzt dem Baby anschließend für mehrere Wochen einen speziellen Gipsverband oder eine Hüftschiene an. Nur wenn diese Maßnahmen unwirksam bleiben, muss er das Hüftgelenk operativ in die richtige Stellung bringen.



Ursachen und Risiken

Die Ursachen für die Hüftgelenksdysplasie und -luxatation hat die Wissenschaft noch nicht gänzlich klären können. In den meisten Fällen ist eine die Hüftfehlbildung wohl erblich bedingt. Hat die verwandschaft viel mit überdehnten und gelockerten Bändern oder Gelenken zu tun, kommt eine Dysplasie augenscheinlich häufiger vor. Werdende Eltern sollten die Ärzte deshalb informieren, wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen. Neben Hüfleiden in der Familie können das auch Mehrlingsschwangerschaften oder Fehllagen bei der Geburt sein. Denn auch wenn das Kind in der Gebärmutter besonders beengt liegt – etwa bei Zwillingsschwangerschaften oder bei einer Steiß- oder Beckenendlage – ist das Hüftgelenk bei der Geburt oft unterentwickelt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass auch das Hormon Progesteron an einer Reihe von Dysplasien Schuld ist: das Schwangerschaftshormon sorgt bei der werdenden Mutter dafür, dass sich das Becken für die Geburt lockert. Möglicherweise wirkt es sich aber gleichzeitig auf das Becken des Ungeborenen aus – vor allem bei den weiblichen Feten: Ein möglicher Grund, warum Mädchen fünf mal häufiger von der Hüftgelenksdysplasie betroffen sind, als Jungen.


Dr. med. Detlef Bonnemann,
Kinderorthopäde, Vereinigung für Kinderorthopädie in der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e.V.



17.09.2007
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