Wenn Kinder lügen

Von Pinoccionasen und Lügenbaronen


„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, lautet die bekannte Weisheit. Diesen moralisierenden Spruch haben wir schon von unseren Eltern gehört. Doch wie sollen Eltern damit umgehen, wenn sie das eigene Kind bei einer Lüge ertappen? Und sind nicht Erwachsene, die gerne mal „notlügen“, selbst ein schlechtes Vorbild? Ein heikles Erziehungsthema über Moral und Gewissen.




Mädchen
Foto: cakewalk

Aufgeregt läuft der vierjährige Philipp zu seiner Mutter in die Küche: "Mami, ich habe gerade im Garten einen Elefanten gesehen!" Im ersten Moment muss seine Mutter über die blühende Phantasie ihres Sohnes schmunzeln. Je länger sie jedoch darüber nachdenkt, desto mehr wird ihr bewusst, dass Philipp sie gerade das erste Mal belogen hat. Als sie sich über das Thema informiert, wird ihr aber schnell  klar, dass es sich um einen völlig normalen Entwicklungsschritt ihres Sohnes handelt.

Die erste Lüge...

... erzählen Kinder meist zwischen drei und vier Jahren. In dieser Phase ist ihnen allerdings nicht bewusst, dass sie etwas tun, „was man nicht macht“: Absichtliches Lügen ist ihnen noch fremd und ihr Geschichtenerfinden wird von Wunschdenken bestimmt – in ihrer kleinen Welt sind die Grenzen von Wahrheit, Phantasie und Spiel fließend. Das moralische Empfinden für wahr oder unwahr und echt oder unecht bildet sich erst allmählich heraus. Kindern fehlt zudem noch die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Erst wenn dem Kind klar wird,  dass andere eventuell weniger oder etwas anderes wissen oder gesehen haben als sie selbst, können sie dies einsetzen, um bewusst zu flunkern.


Lügen als Kommunikationsmittel

Ungefähr im Alter zwischen fünf und sieben Jahren beginnen die Kleinen, eine Lüge als Kommunikationsmittel einzusetzen. Ihr Schwindel ist meist harmlos, schnell zu enttarnen und nicht selten von den Eltern abgeguckt: Sagt der Vater „Hm, das Essen schmeckt lecker“ und verzieht dem Kind gegenüber das Gesicht, merkt es, dass eine Höflichkeits- oder Notlüge offenbar in Ordnung ist – Papa macht es ja auch.

Komplexere Lügen

Die Fähigkeit, ihrer Umwelt komplexere Lügen aufzutischen, entwickeln Kinder mit rund neun Jahren. Jetzt bekommen sie langsam ihren eigenen Kopf, sind nicht mehr ständig unter der Aufsicht ihrer Eltern und machen Erfahrungen mit anderen Menschen, die manchmal ebenfalls lügen. Das kann ein Schulfreund sein, der seine Eltern über das verlorene Geld für die Monatskarte anlügt und stattdessen ein Computerspiel kauft. Oder ein Telefongespräch des älteren Bruders, der in den Hörer prahlt, wie leicht ihm die Großen abgekauft haben, er habe eine gute Note in der Mathematikarbeit... Dabei realisieren die Kleineren, dass sie durch Lügen Dinge erreichen, sie sich den Alltag erleichtern oder gar Strafen entgehen können. Und sie probieren aus, mit welcher Lüge sie weiter kommen und womit sie auffliegen.


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23.04.2008
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