Himbeerzunge adé!

Scharlach – eine gewandelte Kinderkrankheit

Es beginnt wie eine Rachenentzündung – und ist heute eigentlich nichts anderes mehr. Die einst gefährliche Krankheit mit ihren gefürchteten Spätfolgen hat ihren Schrecken verloren. Dank Penicillin kann eine Scharlach-infektion schnell behandelt werden. Die Therapie hat Scharlach aber auch verändert.




Himbeerzunge adé!
Foto: Techniker Krankenkasse

Himbeerzunge und fleckiger Hautausschlag, der sich
innerhalb weniger Tage über den Körper ausbreitet
– so beschreiben viele Elternratgeber eine Scharlachinfektion. Diese Symptome bekommen Eltern und Ärzte aber nur noch selten zu sehen: Eine Infektion mit Scharlachbakterien – den so genannten Streptokokken der Gruppe A – verläuft heute meist wie eine gewöhnliche Rachenentzündung. Die Kinder stecken sich beim Spielen, Sprechen und Husten über winzige Tröpfchen bei ihren Spielkameraden an, bekommen Fieber, Schluckbeschwerden und rot-geschwollene Mandeln.

Kommt ein Kind mit einer solchen Rachenentzündung in die Praxis, kann der Arzt per Schnelltest oder Rachenabstrich feststellen, ob es sich um einen Virusinfekt oder um eine Infektion mit Scharlachbakterien handelt. Sind es die speziellen A-Streptokokken, die das Kind krank machen, verschreibt er ihm für 10 Tage Penicillin. Das Antibiotikum vernichtet die Bakterien so wirksam, dass der kleine Patient schon am zweiten Tag der Einnahme nicht mehr ansteckend ist.

Obwohl es weltweit verschiedene Typen der Scharlach-Streptokokken gibt, existieren bisher keine resistenten Erreger, die das Penicillin nicht vernichten könnte. Vor dem Penicillin-Zeitalter war Scharlach eine oft folgenreiche Krankheit mit Nierenschäden, rheumatischem Fieber oder möglichen Herzklappenschäden, die sogar zum Tod führen konnten. Heute erscheinen solche Spätschäden nur in Ausnahmefällen, etwa wenn ein Kind besonders empfindlich auf die Bakterien reagiert und die Streptokokken zugleich längere Zeit unerkannt bleiben.

Keine Sorge bei Penicillinallergie
Penicillin ist eine besonders verträgliche Arznei. Bei etwa 5 Prozent der behandelten Kinder löst es dennoch eine allergische Reaktion aus wie Hautausschlag, Juckreiz und hohes Fieber. Sie kann auch mit den typischen Scharlach-Symptomen verwechselt werden. Eine Penicillinallergie ist für betroffene Kinder zwar ungefährlich, solange sie das Medikament geschluckt haben. Nur wenn es per Spritze oder Infusion verabreicht wird, kann die Allergie gefährlich werden. Eltern sollten das Medikament trotzdem sofort absetzen und den Kinderarzt informieren, wenn sie Symptome bei ihrem Kind feststellen.

Auch wenn ein Kind ohnehin zu Allergien neigt, gibt es eine Reihe von alternativen Antibiotika, die es einnehmen kann – so genannte Makrolide. Übrigens: Ärzte der Universität Philadelphia / USA fanden Anfang des Jahres heraus, dass wer einmal überempfindlich auf Penicillin reagiert, es bei einer späteren Behandlung meist gut verträgt. Nur zwei Prozent der behandelten Allergiker reagierten in dem Versuch erneut mit einem überschießenden Immunsystem auf das Mittel. Eine lebenslange Penicillinallergie ist damit seltener, als bisher angenommen.

Mehrfachansteckung möglich
Früher hat Scharlach bei einem Menschen eine lange Immunität hinterlassen. Der Körper musste die Krankheit mit all seinen Symptomen durchstehen, bis das Immunsystem ausreichend passende Antikörper gebildet hatte. Heute kommt es nicht mehr dazu: Die Behandlung mit Penicillin ist erfolgreich und schnell. Nachteil: Derselbe Bakterientyp kann ein Kind mehrfach krank machen. Selbst wenn ein Mensch gegen einen Erregertyp Antikörper im Blut hätte, könnten sie gegen einen anderen Typ nichts ausrichten und er erkrankt.

Etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung tragen die Scharlach auslösenden A-Streptokokken sogar stets in ihrem Rachen, werden aber selbst nicht krank; für andere wiederum sind sie ansteckend. Erkrankt ein Kind mehrmals in kurzer Zeit, könnte sich ein Bakterienträger in seiner direkten Umgebung verstecken. Da man bisher keinen Impfstoff gegen die verschiedenen Erreger gefunden hat, muss ein betroffenes Kind immer wieder mit Penicillin behandelt werden. Zu hoffen bleibt darum, dass die Pharmaindustrie trotz des wirksamen Penicillins zukünftig einen eine Impfung gegen Scharlach-Streptokokken entwickeln kann.

Prof. Dr. med. Dieter Adam
Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie



Geniale Entdeckung

Im September 1928 macht der schottische Bakteriologe Alexander Fleming in seinem Labor eine ebenso zufällige wie bahnbrechende Entdeckung: Ein Schimmelpilz der Gattung „penicillium notatum“ hatte eine seiner angelegten Bakterienkulturen zerstört. Als er die Probe wegwerfen wollte bemerkte er, dass überall dort, wo der Pilz wuchs, sich keine Bakterien angesiedelt hatten oder abgestorben waren. In weiteren Versuchen stellte Fleming fest, dass der Pilz eine für viele Bakterien tödliche Substanz abgibt, der er den Namen Penicillin gab.

Erst Jahre später gelang es den Ärzten Howard Florey und Ernst Chain, die Substanz zu isolieren und in größeren Mengen herzustellen. Sie stand als Arznei im Krieg zunächst nur den Streitkräften zur Verfügung und rettete vielen verwundeten Soldaten das Leben. Als Medikament wurden Penicillin und andere Antibiotika erst 1945 für jedermann zugänglich. Krankheiten, die wie Scharlach früher häufig zum Tod führten, verloren an Gefährlichkeit. Und Fleming, Florey und Chain erhielten für ihre Entdeckung den Nobelpreis.





15.08.2007
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